Die ‚Expedition‘ des Wiener Anthropologen Rudolf Pöch nach Papua-Neuguinea (1904–1906)

Ausgangspunkt dieses Projekts zur kolonialen Verstrickungsgeschichte von Tonaufnahmen aus Papua-Neuguinea war die vom Phonogrammarchiv im Jahr 2000 publizierte CD-Edition Papua New Guinea (1904–1909). The collections of Rudolf Pöch, Wilhelm Schmidt, and Josef Winthuis. Den wissenschaftlichen Kommentar zu den erhaltenen 94 Tondokumenten hat damals der Ethnomusikologe Don Niles u.a. auf Basis eines akribischen Studiums von Originalquellen in Wien verfasst.

Fast ein Vierteljahrhundert später sind nun auf dieser Website die Ergebnisse einer ergänzenden Forschung zu weiteren schriftlichen, dinglichen und visuellen Primärquellen der bislang wenig beachteten ‚Expedition‘ nach Südostasien und Ozeanien zusammengeführt worden.

Beispiele aus dem Phonogrammarchiv sind im Bild zu sehen: die in dicke Protokollbände gefassten handschriftlichen Beschreibungen der Tonaufnahmen, eine Metallmatritze, ein Wachsplattenabguss, die CD-Edition und der vollständige Satz von Plattenabgüssen auf Epoxidharz.

Arbeit mit einem Portrait von Rudolf Pöch aus seiner Reise nach Papua-Neuguinea,  ca. 1904-1906 (Quelle der Originalfotografie: Institut für Evolutionäre Biologie der Universität Wien, Signatur: RP OZ 0661). © Foto der Collage: Alexander Silaen, 2023

„Schon wieder Pöch?“

Bei Gesprächen im Rahmen des Projekts waren wir mehrmals mit dieser Frage konfrontiert. Vielen Personen, die im Kontext von Sammlungen und Wissenschaftsgeschichte arbeiten, ist Pöch längst ein Begriff. Verschiedene Projekte haben sich bereits kritisch mit diesem umstrittenen österreichischen Forscher und der Konstruktion seines Images als ‚Entdecker‘ und ‚Pionier‘ sowie seinem Erbe auseinandergesetzt. Sein gewaltvolles Handeln und rassistisches Denken wurde durch unterschiedliche Publikationen aufgezeigt und an eine deutsch- und englischsprachige Öffentlichkeit getragen (siehe Literaturliste unten).

Doch was bedeutet das vor diesem Hintergrund für den Umgang mit den historischen Quellen? Wer hat Zugang zum umfassenden Material, das Pöch ‚gesammelt‘ und produziert hat? Welche Bedeutung haben diese Dokumente und Objekte heute – und für wen? Und wie lässt sich ein Projekt oder eine Website realisieren, in dem es beispielhaft um koloniales Handeln im Zusammenhang mit einer ‚Expedition‘ und das daraus hervorgegangene materielle ‚Kulturerbe‘ geht? 

Die Suche nach Quellen war sowohl vom Ziel der Rekonstruktion einer kolonialen Verstrickungsgeschichte geprägt, als auch von aktuellen Diskursen zum Thema Rückgabe und (Re-)Zirkulation. Jedenfalls aber war sie mit dem Anspruch verknüpft, die mediale Vielfalt der zahlreichen historischen Spuren sichtbar zu machen, die für eine Aufarbeitung herangezogen werden können, und Informationen darüber zusammenzuführen, wie diese zu finden sind.

Die Zusammenführung und Aufbereitung entsprechender Informationen zu den Quellen bilden eine wesentliche Grundlage für zukünftige Forschungen, die sich mit den größeren Zusammenhängen der jeweiligen institutionellen Bestände beschäftigen. Gleichzeitig soll unsere Arbeit für kommende Projekte eine Möglichkeit bieten, den Umgang mit Quellensuche, Archivpolitiken und Fragen der Zugänglichkeit im Kontext kolonialer Geschichte kritisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

Das

Projektteam

Über uns

Diese Website ist ein Ergebnis des Projekts Zur kolonialen Verstrickungsgeschichte von Tonaufnahmen: Die Expedition des Wiener Anthropologen Rudolf Pöch nach Papua-Neuguinea (1904–1906), das Cornelia Gruber und Clemens Gütl über die Österreichische Akademie der Wissenschaften bei der MA 7 der Stadt Wien beantragt hatten. Es wurde zwischen 1. Oktober 2023 und 30. November 2024 unter ihrer Leitung durchgeführt. Hauptprojektmitarbeiter war der Wissenschaftshistoriker Alexander Silaen. Die Korrektur, Übersetzung und Eingabe der Texte in die Website wurde von Petzi Beneš durchgeführt. Will Prentice danken wir für das Lektorat der englischen Übersetzung der Website.

Unser Netzwerk

Die Liste von Institutionen, an denen heute Primärquellen zu Pöchs Reise nach Papua-Neuguinea vorhanden sind, entstand in enger Abstimmung mit den jeweiligen verantwortlichen Personen und internationalen Forscher*innen, denen wir an dieser Stelle auch sehr herzlich für die konstruktive Zusammenarbeit danken!

Margit Berner (Naturhistorisches Museum Wien)

Reinhard Blumauer (Weltmuseum Wien)

Anette Hoffmann (unabhängige Forscherin)

Hanin Hannouch (Weltmuseum Wien)

Hilary Howes (The Australian National University)

Manfred Kaufmann (Weltmuseum Wien)

Gerda Lechleitner (ehemals Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)

Katarina Matiasek (Universität Wien)

Caroline McKinley (Weltmuseum Wien)

Don Niles (ehemals Institute of Papua New Guinea Studies)

Stefan Sienell (Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)

Harald Wilfing (Universität Wien)

Andrea Zaremba (Naturhistorisches Museum Wien)

Naturhistorisches Museum Wien

Literatur

Hoffmann, Anette. 2022. Listening to Colonial History. Echoes of Coercive Knowledge Production in Historical Sound Recordings from Southern Africa. Basel: Basler Afrikabibliographien.

Legassick, Martin und Ciraj Rassool. 2000. Skeletons in the Cupboard: South African Museums and the Trade in Human Remains, 1907–1917. Cape Town, Kimberley: South African Museum and McGregor Museum.

Schasiepen, Sophie. 2019. „Die ‚Lehrmittelsammlung‘ von Dr. Rudolf Pöch an der Universität Wien. Anthropologie, Forensik und Provenienz“. Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1, 15–29.